Berlin, 27.02.2025: Psychologe und Migrationsforscher Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan würdigt das Stifterpaar und erinnert an deren Leben und Selbstverständnis.
Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan über Helga und Edzard Reuter:
Mit Unterstützung wird auch ein schweres Los schwerelos

Berlin, 27.02.2025: Anlässlich der Verleihung der Stiftungspreise der Helga und Edzard Reuter-Stiftung wurde auch an die verstorbenen Stiftungsgründer erinnert. Das langjährige Kuratoriumsmitglied der Stiftung, der Psychologe und Migrationsforscher Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, würdigte in seiner Rede das Stifterpaar und erinnerte an das Leben von Edzard Reuter und das Selbstverständnis von ihm und seiner Frau, das eine Basis für die Gründung der Stiftung war.
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender des Daimler-Benz-Konzerns, Herr Dr. Martin Brudermüller, sehr geehrte Mitglieder des Kuratoriums, sehr geehrte Vertreter der Presse und der Politik. Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Es ist mir eine Ehre, hier heute vor ihnen sprechen zu dürfen. Gleichwohl ich mir einen besseren, erfreulicheren Anlass, und zwar in Präsenz der Personen, über die wir heute sprechen, gewünscht hätte.
Lassen Sie mich bitte ganz persönlich beginnen:
Mit dem Namen Reuter verbinde ich als ehemaliger Berliner und als Türkeistämmiger außerordentlich viel. Den Ernst-Reuter-Platz habe ich in meiner Jugend verkehrstechnisch als einen der herausforderndsten Plätze in Berlin wahrgenommen; doch welche Bedeutung hinter diesem Namen verborgen war, ist mir erst im Studium bewusst geworden. Und dass mich Jahrzehnte später sowohl eine innige Freundschaft als auch eine Rolle in der Helga und Edzard Reuter-Stiftung mit diesem Namen verbinden würde, wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen.
Ich habe 2010 die Leitung des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung übernommen; und es dauerte nicht lange, bis sich meine Wege mit Edzard Reuter kreuzten.
Denn die Türkei und die gesellschaftliche Integration – das sind auch zentrale Themen im Leben von Edzard Reuter gewesen, der am eigenen Leib erlebt hat, was Demokratieabbau, soziale Ausgrenzung und Flucht bedeuten. Hier wurde die Türkei für die Familie Reuter ein Refugium. Sie war zunächst die Heimat seiner Jugend; und später sagte er, sie sei seine zweite Heimat gewesen. Sein gesellschaftliches Engagement sowie die Stiftung, die er mit seiner Frau Helga gegründet hat, setzten maßgebliche Impulse, damit umgekehrt auch Deutschland die Heimat vieler Türkeistämmiger werden konnte.
Doch eines nach dem anderen.
Ich will ihnen kurz skizzieren, woher die Verbundenheit von Edzard Reuter mit der Türkei herrührt und dann noch einmal auf die Relevanz des gesellschaftlichen Engagements der Stiftung eingehen.
Wie wir wissen, haben die Nazis, neben den Juden, die die größte Gruppe darstellten, ebenso andere Personen und ethnische Gruppen, wie etwa die Sinti und Roma, aber auch politische Gegner verfolgt, entrechtet, ermordet oder zur Flucht getrieben. Zu diesen gehörte auch der 1889 in Apenrade an der Ostsee, also im heutigen Dänemark geborene Sozialdemokrat Ernst Reuter. Uns Berlinern ist er als der Bürgermeister bekannt, der im Jahr 1948 der sowjetischen Blockade standhielt und die Krise außerordentlich meisterte. Doch zuvor amtierte er 1933 als Oberbürgermeister in Magdeburg, wo ihn die Nationalsozialisten aus dem Amt drängten.
Er konnte glücklicherweise einem schrecklichen Ende im Konzentrationslager entrinnen und in die Türkei flüchten, wo er mit seiner Familie bis 1946 blieb. Der damals sechsjährige Edzard, der mit seiner Mutter dem Vater in die Türkei folgte, berichtet in seinen Erinnerungen aus der Perspektive des Vaters und der Zeit in der Türkei wie folgt:
„Nach einer viertägigen Fahrt mit dem Orient-Express über Wien, Ljubljana, Belgrad und Sofia waren deine Mutter und du in jenem Sommer 1935 in Istanbul angekommen. Die Reise war für den Jungen aufregend gewesen. Das Erlebnis eines ganzen eigenen Abteils im Schlafwagen des berühmten Zuges, die Menschen in den anderen Waggons, ungewohnt gekleidet, fremde Sprachen schnatternd, oft genug begleitet von allerhand Geflügel und sonstigem Getier. Alles wurde jedoch von der nervösen Spannung der Mutter überlagert, die dem Wiedersehen mit ihrem Mann entgegenfieberte und zugleich so unsicher war, was euch erwartete. Umso größer die Freude und Erleichterung, als euch der Vater auf dem Bahnhof in Istanbul in die Arme schloss. Seine ersten Worte waren voller Zuversicht, dass ihr in der Türkei eine gute Chance haben würdet, die Hitlerzeit gesund und ungefährdet hinter euch zu bringen.“
Die Familie Reuter lebte in der türkischen Hauptstadt Ankara, wo der Vater an der Universität lehrte und Kontakte zu den anderen Emigranten knüpfte. In die Türkei flüchteten während der Nazi-Herrschaft u.a. der Architekt Bruno Taut, die Musiker Paul Hindemith und Eduard Zuckmayer, der Romanist Erich Auerbach, der Philosoph Hans Reichenbach; um nur einige zu nennen. Über seine Zeit in der Türkei berichtet Edzard Reuter in seinen Erinnerungen:
„Die traumhaft schönen, grünbewachsenen Küsten der südwestlichen Türkei kannte ich damals noch nicht, durften wir uns doch, mit Ausnahme weniger Dienstreisen meines Vaters, während der mehr als elf Jahre unseres Aufenthaltes nie ernsthaft über die Grenzen der für uns offenen Städte hinausbewegen; alles andere war mehr oder minder ausnahmslos militärisches Sperrgebiet.“
Die Spuren seiner zugleich von Rationalität wie Mitmenschlichkeit geprägten Persönlichkeit (und künftigem Manager eines Weltkonzerns) wurden pädagogisch in der Türkei geprägt. Über seine Erfahrungen in der Schule mit seiner Lehrerin Leyla Kudret Erkönen, eine deutschstämmige Lehrerin aus Augsburg mit dem bürgerlichen Namen Doris Zernott, die einen türkischen Ingenieur heiratete und in Ankara Emigrantenkinder unterrichtete, schrieb er: „Sie gehört zu den (…) wichtigsten Menschen in meinem Leben. Weil sie eine Haltung hatte, die ich als Inbegriff der Aufklärung bezeichne: sehr rational, sehr vernunftbezogen. (…) Sie verstand uns als Mitarbeiter und vertraute uns. (…). Dass ich ein neugieriger Mensch wurde, das ist auch ein Verdienst von Frau Kudret. Die Eltern erlebten jeden Tag, wie ich dazulernte. Ich war ein begeisterter Schüler.“ Leyla Kudret bekam 1985 das Bundesverdienstkreuz; um diese Zeit sah sie auch ihren ehemaligen Schüler Edzard nach fast fünfzig Jahren wieder.
Im Februar 1945 erfolgte die Kriegserklärung der Türkei an Deutschland, die auch die Situation der Emigranten dort änderte. Edzard Reuter schreibt:
„Wir hatten besonderes Glück, dass wir, im Unterschied zu anderen Emigranten, nach dem späteren Abbruch der Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland nicht in einer der dafür bestimmten anatolischen Provinzstädte interniert wurden. Umso länger kam uns die Wartezeit vor, bis wir Anfang November 1946 den Dampfer »Ege« zur Reise in Richtung Marseille besteigen konnten, der uns, mit der Zwischenstation in Paris, endlich nach Deutschland zurückführen sollte. Es war ein Abschied voller Wehmut, denn ich wusste, dass damit ein entscheidender Abschnitt meines Lebens zu Ende ging, und so rannen mir auch die Tränen, als der Dampfer die Silhouette von Istanbul in der Abenddämmerung hinter sich ließ: Es war der Abschied von meiner Jugend, es war der Abschied von den türkischen Menschen.“
Sein Abitur konnte Edzard Reuter nicht mehr in der Türkei ablegen; holte dies in Deutschland nach und studierte anschließend Mathematik, Physik und Rechtswissenschaften in Berlin und Göttingen.
Doch die Verbundenheit mit dem Land Türkei sowie den Menschen aus der Türkei in Deutschland blieb; trotz verschiedenster gravierender Verwerfungen der türkischen Politik, die sich auch unter anderem in seinem Engagement für die Daimler-Benz AG in der Türkei niederschlug.
Sehr gut erinnere ich mich an meine Besuche in Stuttgart, wo wir in einem türkischen Restaurant Manti (Maultasche) aßen und Edzard Reuter sein Türkisch immer wieder mit dem Koch und Inhaber des Restaurants pflegte. Und in seiner Jugend sprach er perfekt türkisch; in seiner Selbstauskunft sogar besser als Deutsch; und zwar so gut, dass er einem Freund Stefan Zweigs „Schachnovelle“ auf Türkisch übersetzen konnte.
Über seine Zeit bei Daimler-Benz haben wir sehr eindrücklich von Herrn Dr. Brudermüller gehört.
Die Zeit danach war alles andere als ein Ruhestand: Edzard Reuter gründete 1995 mit seiner Frau Helga die Stiftung, die sich von ihrer Satzung her zunächst auf die deutsch-türkische Geschichte und Verständigung fokussierte, sich aber relativ schnell für einen umfassenden kulturellen und menschlichen Austausch und Verbindung einsetzt.
Wörtlich heißt es im Selbstverständnis: „Die gemeinnützige Helga und Edzard Reuter-Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Bemühungen zu fördern, die auf wissenschaftlichem Gebiet oder in der praktischen Arbeit, die dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft in der Bundesrepublik Deutschland dienen und ihre gesamtgesellschaftliche Integration voranbringen“.
Doch warum dieses Bedürfnis, hierfür eine Stiftung zu gründen?
Helga und Edzard Reuter haben sehr früh erkannt, dass sowohl ein demokratisches Gemeinwesen als auch die gesellschaftliche Teilhabe keine Selbstläufer sind, und weder Zugewanderte noch staatliche Akteure dies allein bewältigen können. Sie erkannten, dass auch ein schweres Los schwerelos wird, wenn es gezielte Unterstützung gibt. Und hierzu bedarf es eines tatkräftigen Engagements aus der Zivilgesellschaft.
Doch warum ist es wichtig, dass sich Persönlichkeiten wie Helga und Edzard Reuter für Rechte von Minderheiten einsetzen?
Von Personen mit hohem Ansehen und hohem Amt gehen bedeutende Einflüsse aus, und zwar insbesondere auf Menschen, die in bestimmten Fragen unsicher, unschlüssig oder indifferent sind, so etwa darin, ob die Integration von Zuwanderern gelungen oder gescheitert ist, ob sie prinzipiell willkommen oder abzulehnen sind, welche gesellschaftliche Rolle ihnen zusteht bzw. welche ihnen zugewiesen werden sollte. Die sozialpsychologische Forschung zeigt: Bei Konstanthaltung aller anderen Faktoren ist die Glaubwürdigkeit des Senders die entscheidende Variable für eine Meinungsänderung auf Seiten des Empfängers. Und hier waren Helga und Edzard Reuter glaubwürdige Quellen.
Denn Gruppennormen werden oft von typischen Repräsentanten der Eigengruppe konstituiert, und zwar sowohl mit Blick darauf, was sie über die Eigengruppe als auch, was sie über die Fremdgruppe kommunizieren. Deshalb sind für die Fragen der gelingenden Integration sowohl prominente Menschen mit Zuwanderungsgeschichte als auch einheimische Personen des öffentlichen Lebens aufgefordert, Vorbildrollen zu übernehmen, um Stereotypen und daraus resultierenden Vorurteilen entgegenzuwirken.
Denn je pluraler und vielseitiger die Bilder des „Anderen“ sind, desto eher wird er mit den verschiedenen Facetten seiner sozialen Identität repräsentiert. Werben jedoch nur Vertreter der Minderheit für eine angemessene und differenzierte Wahrnehmung ihrer Gruppe, kann dies schnell neutralisiert und als Partikularinteresse gedeutet werden, ungeachtet des Wahrheitsgehaltes ihrer Äußerung. Diese Neutralisierung entfällt aber, wenn sich artikulationsstarke Vertreter der Mehrheit äußern, wie sie insbesondere Edzard Reuter darstellte. Sie zwingen, andere Aspekte sozialer Wirklichkeit zu berücksichtigen, sich mit dem Argument auseinanderzusetzen, auch wenn diese Meinung nicht immer geteilt wird. Deshalb ist eine enge Verschränkung der Stimmen von Zuwanderern und „Etablierten“ unverzichtbar, um einer pluralen, gleichberechtigten Gesellschaft normative Geltung zu verschaffen und ihre Akzeptanz in den Köpfen und Herzen zu verankern.
In unruhigen, unübersichtlichen Zeiten wie diesen ist es wichtig, diffuse Ängste über Zuwanderer zur Diffusion zu bringen. Denn Angst macht uns Menschen klein; sie mindert nicht nur unser Lebensglück und unser Wohlbefinden, sondern Angst verengt auch unsere Wahrnehmung und unser Urteilsvermögen. Angst führt zur Selbstfokussierung und blockiert die Empathie gegeüber Anderen.
Die Einschätzung, wie gut oder wie schlecht die Teilhabe von Zugewanderten erfolgt ist, hängt nicht nur von den objektiven Gegebenheiten ab, das heißt, vom tatsächlichen Ausmaß ihrer eigenen Integrationsleistungen, sondern auch vom Image, das sie haben, und von den Bildern über sie in der Gesellschaft. Menschen handeln nicht nur aufgrund objektiver Wirklichkeitskenntnis, sondern aus der subjektiven Wahrnehmung dieses Wirklichkeitsausschnittes; handlungsleitend ist also ihre mentale Repräsentation. An der Änderung genau jenes Bildes, am Abbau der Angst vor dem vermeintlich „Anderem“, haben Helga und Edzard Reuter mit ihrer Stiftung unermüdlich gearbeitet.
Was wir deshalb künftig nach wie vor brauchen, ist ein entschlossenes politisches und zivilgesellschaftliches Handeln gegen menschenverachtende, rassistische Gruppen und Ideologien und ein klares Signal, dass der Rechtsstaat jedem Bürger den erforderlichen Schutz und die notwendige Unterstützung gewährt. Wir brauchen ein „inklusives Wir“, das Einheimische und Zugewanderte gleichermaßen umfasst und ein Verständnis von Zugehörigkeit, das nicht allein auf die Vergangenheit, auf historische Wurzeln gründet, sondern nach vorne gerichtet ist und die künftige gemeinsame Gestaltung der Gesellschaft in den Blick nimmt.
Per aspera ad astra: Über die Mühen zu den Sternen.
Das Paar Reuter hat sich mehr als bemüht, ein wenig die Last von den Schultern vieler Zugewanderter zu nehmen, damit auch diese die Sterne erreichen. Dieses Engagement verdient höchste Anerkennung und Dank.
Ich möchte meine Rede mit einer kurzen Geschichte beenden, meine sehr verehrten
Damen und Herren.
Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann“, fragte einer der Schüler. „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann“, fragte ein anderer. „Nein“, sagte der Rabbi. „Aber wann ist es denn“, fragten die Schüler. „Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.”
(Tugendhat, 1992, S. 64f.)
Diese weise und ergreifende Einsicht war auch die Maxime der Reuters. Unser aller tiefes Mitgefühl gilt ihren Familienmitgliedern und Angehörigen. Und bewahren wir ihre Vision eines geschwisterlichen und brüderlichen Lebens im Herzen.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

