Berlin, 07.04.2017: Die Laudationes von Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Lepenies zu Sadik a-Azm und des Stuttgarter Bürgermeisters Werner Wölfle auf Gökay Sofuoğlu.
Preisverleihung Helga und Edzard Reuter-Preis:
Laudationes auf Sadik al-Azm und Gökay Sofuoğlu

Berlin, 07.04.2017: Die Laudationes von Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Lepenies zu Sadik a-Azm und des Stuttgarter Bürgermeisters Werner Wölfle auf Gökay Sofuoğlu.
Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Lepenies: Laudatio auf Sadik al-Azm (1934-2016)
Sadik Jalal al-Azm wurde 1934 als Sohn einer hochgeachteten sunnitischen Familie in Damaskus geboren. Er studierte an der American University in Beirut und an der Yale University, wo er 1961 mit einer Arbeit über Henri Bergson promoviert wurde. Von 1977 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1999 lehrte er als Professor für moderne europäische Philosophie an der Universität von Damaskus. Weltweit wurde Sadik al-Azm zu Forschungsaufenthalten eingeladen, zwei Mal war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er erhielt den Erasmus-Preis, war Ehrendoktor der Universität Hamburg und Träger der Goethe-Medaille.
Sadik al-Azm, der am 11. Dezember 2016 in Berlin starb, war ein bedeutender Philosoph, ein Vordenker für einen der Moderne zugewandten Islam, ein syrischer Patriot, ein mutiger Mann.
1990 kam Sadik al-Azm zum ersten Mal als Fellow ans Wissenschaftskolleg dessen Rektor ich damals war. Während seines Aufenthalts in Berlin publizierte er einen Essay über Salman Rushdies Roman Die satanischen Verse, dessen „beruhigendes Maß an gesundem Zynismus“ ihm imponierte. Sadik al-Azm war einer der wenigen arabischen Intellektuellen, der sich öffentlich und ohne Vorbehalt an die Seite Rushdies stellte.
Und damit sein Leben riskierte, denn das Todesurteil, das der Ayatollah Khomeini ein Jahr zuvor in einer Fatwa über Rushdie ausgesprochen hatte, sollte auch dessen Verteidiger treffen.
Bekannt, verhasst und bewundert wurde al-Azm 1968 nach der Veröffentlichung seines Buches Selbstkritik nach der Niederlage, in dem er die arabischen Reaktionen auf die Niederlage im Sechs-Tage-Krieg gegen Israel scharf kritisierte.
„Was mir völlig abging“, sagte er im Rückblick auf sein Buch, „war die in den arabischen Gesellschaften weitverbreitete Neigung, für alle unsere Probleme immer jemand anderen verantwortlich zu machen. Was uns fehlte, war Selbstkritik. Immer machten wir den Kolonialismus, den Imperialismus oder den Zionismus für etwas verantwortlich, das wir im hohen Maße selbst verschuldet hatten.“
War es mutig, nach dem verlorenen Krieg die Araber zur Selbstkritik aufzufordern, so war es tollkühn, ein Jahr später in Beirut ein Buch mit dem Titel Die Kritik des religiösen Denkens zu publizieren. Ein Plädoyer für Säkularismus und nachholende Aufklärung: Wissenschaftsfeindlichkeit, Disziplinlosigkeit und Phrasendrescherei waren für Sadik al-Azm die Folge einer von religiösen Vorstellungen dominierten Politik und Gesellschaft. Um die arabischen Gesellschaften mit ihrer Autoritätsgebundenheit und frauenverachtenden Grundhaltung zu erneuern, mussten die Erziehung der Jugend a-religiös ausgerichtet sein und der Technik und Naturwissenschaften ein hoher Stellenwert eingeräumt werden.
Mit seiner Kritik des religiösen Denkens war Sadik al-Azm zum „Ketzer von Damaskus“ geworden. Er wurde in Beirut wegen „Störung des Religionsfriedens“ angeklagt und kam in Untersuchungshaft, wurde aber kurz darauf freigesprochen. Die Stelle als Universitätsdozent an der American University Beirut verlor er. In allen arabischen Ländern wurde Die Kritik des religiösen Denkens auf den Index gesetzt – und dennoch oder vielleicht deshalb viel gelesen. Die messerscharfe Kritik al-Azms am politischen Einfluss der Religionen, nicht nur des Islam, blieb dennoch ohne Folgen.
Ungebrochen blieb Sadik al-Azms Hoffnung auf die Herausbildung eines von muslimischen Exilanten geprägten „Europäischen Islam“, der die zentralen Lernstätten des Islam in der arabischen Welt beeinflussen würde: ein Islam, der sich mit der Moderne verbündet, sich nicht gegen sie stellt und Bereitschaft zur Selbstkritik zeigt. Einmal fragte ich Sadik, ob er sich noch selbst als Muslim verstehe. Fast heiter antwortete er: „Der Islam ist tief in die arabische Kultur eingebettet – und ich bin Araber. Der Islam hat auch mich geprägt, aber ich bin kein praktizierender Muslim. Ich bin ein Post-Muslim.“
Ein Satz, der ungebrochene innere Freiheit ausdrückt und ein souveränes Verhältnis zur Herkunftsreligion.
Sadik al-Azm gehört einer sunnitischen Patrizierfamilie an, die seit dem 18. Jahrhundert im osmanischen Syrien eine bedeutende Rolle spielte. Familienmitglieder waren an der arabisch-nationalistischen Bewegung beteiligt, die sich gegen die osmanische Herrschaft richtete, die ihrem Ende entgegenging. Andere Mitglieder der Familie, die in Istanbul residierten, wurden Kemalisten.
Dazu gehörten der Vater und ein Onkel von Sadik al-Azm. Beide kämpften an der Seite von Atatürk und waren säkular orientiert. Damit wuchs er auf, diese Tradition war für sein eigenes Denken entscheidend. Seine Mutter spielte eine Rolle in der Frauenbewegung, sie legte den Schleier ab. Auch im 20. Jahrhundert wurde zweimal ein al-Azm syrischer Ministerpräsident, doch als 1963 die Baath-Partei in Syrien an die Macht kam, musste sich die Familie vollständig aus der Politik zurückziehen.
Familientradition und ein an Immanuel Kant geschultes kritisches Temperament führten den Philosophen Sadik al-Azm in die Politik. Im Jahre 2000 wuchsen nach dem Tod von Hafiz al-Assad Hoffnungen, sein Sohn, der im Westen ausgebildete Mediziner Baschar al-Assad, werde es als Herausforderung ansehen, sein Land zu modernisieren, zu demokratisieren und damit zu einem Vorbild in der arabischen Welt zu machen. Als Baschar al-Asad an die Macht kam, gehörte Sadik al-Azm zu den Intellektuellen, die Modernisierung und Reform propagierten.
Es war der ‚Frühling von Damaskus’. Seinen Auftakt bildete die ‚Charta 99’, für die wiederum die tschechoslowakische ‚Charta 77’ das Vorbild war. Die Charta war ein Appell an Assad, sie war nicht gegen ihn gerichtet. Es ging um Demokratie, Bürgerrechte und die Einrichtung einer unabhängigen Gerichtsbarkeit. Anders als etwa in Tunesien, wo der Rücktritt Ben Alis gefordert wurde, ging es in Syrien anfangs nicht darum, Assad aus dem Amt zu treiben. Eine Bürgerrechtsbewegung formierte
sich, der es um nationale Versöhnung und um wirtschaftliche wie politische Reformen ging. Es gab Anfangs keine Demonstrationen und keine Rücktrittsforderungen. ‚Von Untertanen zu Bürgern’ hieß das Motto, das in Foren in Damaskus, Aleppo und anderen Städten diskutiert wurde. In Städten und Dörfern bildeten sich ‚Salons’, in denen offen diskutiert wurde, worüber man früher nur unter Freunden und im engsten Kreis gesprochen hatte.
Doch die Erwartungen an die Zivilgesellschaft waren zu hoch – in allen Ländern des Arabischen Frühlings.
Auch Sadik al-Azm hoffte, dass aus dem ‚charismatischen Moment’ der Reformbewegung der ersten Stunden eine Dauererscheinung werden würde. Die Zivilgesellschaft stellte sich aber als zu schwach heraus, um die Trennung der Ethnien und die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Konfessionen zu überwinden. Wie im Irak fehlte es auch in Syrien an Loyalität gegenüber dem Land als Ganzem. Der Arabische Frühling war eine Befreiung, aber zunächst einmal hatte er nur traditionelle Bindungen und lokale Loyalitäten entfesselt, die lange Zeit unterdrückt worden waren.
Die Rolle des Westens, vor allem der USA, in der syrischen Tragödie kritisierte Sadik al-Azm scharf. In seinen Augen hätte der Westen handeln müssen und handeln können als weder Russland noch der Iran an den innersyrischen Auseinandersetzungen beteiligt waren. Sadik al-Azm betonte immer wieder, dass in Syrien kein Bürgerkrieg herrschte. Er verglich die Situation in seinem Land mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956. In Syrien wurde das Volk von einer Diktatur unterdrückt.
Sadik al-Azm lobte die Flüchtlingspolitik Angela Merkels und das große Engagement der deutschen Bevölkerung. Bitter aber beklagte er, dass die westlichen Medien über Assad, die Russen, die Milizen und den IS pausenlos berichteten, vielen hilfreichen, zivilgesellschaftlichen Initiativen im Land aber zu wenig Aufmerksamkeit schenkten.
Zu diesen Initiativen gehörten und gehören zwei Schulen für Flüchtlingskinder in der syrischen Provinz Idlib. Diese Schulen stärker als bisher zu unterstützen, wäre ein wichtiger Beitrag zur Linderung des Flüchtlingsproblems „vor Ort“, wie unsere Politiker und Medien unentwegt mahnen. Die Schulen in Idlib hat Sadik al-Azm in der nach ihm benannten Stiftung gefördert – zusammen mit seiner Frau Eman Chaker Al-Azm. Ihr gelten mein Respekt und meine Bewunderung für ihr großes Engagement, das die Erinnerung an Sadik al-Azm lebendig erhält.
Wer ihn kannte, wird ihn nicht vergessen, einen bedeutenden Philosophen, den Vordenker für einen der Moderne zugewandten Islam, einen syrischen Patrioten, einen mutigen Mann.
Bürgermeister Werner Wölfle: Laudatio auf Gökay Sofuoğlu
In der Regel gehört es zum gepflegten Stil einer Laudatio, einen Lobgesang auf den Laureaten zu halten und ihn mit allen Regeln der rhetorischen Kunst in den siebten Himmel zu loben. Gökay Sofuoǧlu braucht weder einen Lobgesang noch eine artifizielle Heiligsprechung. Dieser Mann ist eine Marke; ja eine Institution. Zuerst im kommunalen Kontext, später in der bundesweiten Politik und Medienlandschaft.
Geboren 1962 in Kayseri/Türkei, musste er 1980 aus politischen Gründen seine Heimat verlassen.
Ein Satz, der mit wenigen Worten die Eckdaten des Laureaten wiedergibt und schon erahnen lässt, welchen Weg Gökay Sofuoǧlu beschreiten wird. 18-jährig verlässt er 1980 ein Land, das kurz vor dem Bürgerkrieg steht.
Ideologien und Gewalt bestimmen den Tagesablauf der Menschen in der Türkei. Die Politik des Landes hat sich und seine Gesellschaft in ein gefährliches Fahrwasser manövriert. Zivilisten stehen sich feindlich gegenüber mit der Legitimation, dass ihre Ansicht die richtige sei und der Gegenüber ein Anarchist, Faschist, Kommunist oder sogar ein Demokrat. Bedingt durch diese ideologische Erblindung, hatte die Türkei täglich Tote zu beziffern. Schüler, Studenten, Gewerkschaftler, Partei- und Verbandsangehörige und einfache Arbeitnehmer; sprich Zivilisten, denen das Verständnis für den Andersdenkenden abhandengekommen war!
Die Militärjunta in der Türkei verhängt ein Einreiseverbot gegenüber Gökay Sofuoǧlu. Elf Jahre wird er nicht mehr seine Heimat sehen!
Diese Erlebnisse werden Gökay Sofuoǧlu für den Rest seines Lebens prägen und den Antrieb für sein unermüdliches Handeln ausmachen.
Nach seinem Studium arbeitet Gökay Sofuoǧlu als Sozialpädagoge in Kornwestheim und später dann in Stuttgart.
Das von mir gegründete „Haus 49“ im Stuttgarter Nordbahnhofviertel ist auch die Wirkungsstätte des Gökay Sofuoǧlu, die ihn zur kommunalen Institution werden lässt. Zuerst als Mitarbeiter, später dann als Leiter des Hauses, wird er nicht nur zum „Abi“, dem älteren Bruder der Türkeistämmigen im Viertel, sondern zum Ansprechpartner sehr vieler Bewohner, Initiativen und Vereine im Stadtteil.
Das „Haus 49“, eine Caritas-Einrichtung der Mobilen Jugendarbeit, wird zu einer Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Nordbahnhofviertel, zu einem Ort der interkulturellen Begegnungen und der gemeinsamen Projekte für bessere Lebensbedingungen im Stadtteil. Im Fokus stehen insbesondere Kinder und Jugendliche. In Ergänzung zur Schulsozialarbeit an der multikulturellen Rosensteinschule im Quartier entwickelt das „Haus 49“ ergänzende Lernangebote mit Ehrenamtlichen und mit Peer-Mentoren („Freunde schaffen Erfolg“), aber parallel dazu auch vielfältige Elternbildungsangebote mit dem Ziel, die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken.
Das „Haus 49“ ist sozusagen die Schule für das ganze Leben! Seit Jahrzehnten erfahren dort Kinder, Jugendliche, ihre Eltern und ebenso die Sozialarbeiter/innen voneinander die wichtigsten Grundlagen und persönlichen Fähigkeiten für ein freundschaftliches und tolerantes Zusammenleben. Vom Müttercafé mit Kleinkindern bis zum Treffpunkt der älteren Arbeitsmigranten der ersten Stunde, von sozialer Jugendarbeit, Deutschkursen, Seniorentreffs und Gebetsräumen für Muslime – hier ist alles unter einem Dach und so wird das „Haus 49“ ein generationenübergreifendes internationales Stadtteilzentrum. Gemeinsame Kulturfeste und interreligiöse Begegnungen gehören ebenfalls dazu.
Das „Haus 49“ wurde unter dem Netzwerker Gökay zum Prototyp der neuen Stadtteilzentren, die gesellschaftliche Integration als Teilhabe und Zusammenarbeit aller Bevölkerungsgruppen im Quartier verstehen. Damit dies gelingt, braucht es Menschen, die über ihren engen Zuständigkeitsbereich hinaus soziale Arbeit als eine gesellschaftspolitische verstehen. Und die ohne Berührungsängste aktiv auf die Menschen zugehen und diese in das gemeinsame Engagement vor Ort einbinden.
Sie werden heute wohl kaum jemanden im Nordbahnhofviertel antreffen, der keine persönliche Anekdote zu Gökay Sofuoǧlu hat. Das Schöne ist, wer Gutes bewirkt, wird nicht vergessen. Daher eine kleine Notiz am Rande: Ich selbst habe damals als Leiter vom „Haus 49“ Herrn Sofuoǧlu als Mitarbeiter eingestellt. Obwohl ich schon lange nicht mehr dort arbeite, kommen doch immer wieder ehemalige Nordbahnhof-Kids, heute gestandene Erwachsene zu mir zu Besuch oder ich werde zu Stadtteilfesten und Ehemaligen Treffen eingeladen.
Viel wurde bis dahin über Gökay Sofuoǧlu und sein Wirken geschrieben. Sein vielseitiges Engagement für junge Menschen, die Fähigkeit ein breitaufgestelltes Quartiermanagement zu entwickeln und Integrationsmotor für Menschen aller Kulturen im Viertel zu sein, sind nur einige dieser Beschreibungen.
Aber was ist das, was diesen Mann ausmacht und ihn vorantreibt? Gökay Sofuoǧlu ist ein Paradebeispiel für die Gattung des HOMO POLITICUS.
Der HOMO POLITICUS, sprich Gökay Sofuoǧlu, ist ein fester Bestandteil der Gemeinschaft, der nicht nur in diese eingebunden ist, sondern sich als politischer Mitgestalter versteht und in diesem Sinne selbst aktiv tätig wird. Er ist in seiner vielfältigen persönlichen Beziehungsarbeit mit Jung und Alt, mit Alteingesessenen und Neuzugewanderten ein aktiver Vermittler von Werten und Regeln, die das produktive Zusammenleben in kultureller Vielfalt ausmachen. Für ihn spielt öffentliche
Kommunikation eine entscheidende Rolle, denn es geht ihm nicht nur um ein gutes Miteinander in einem Stuttgarter Quartier, sondern um die gleichberechtigte Teilhabe der Migrantinnen und Migranten in unserer Einwanderungsgesellschaft insgesamt.
So ist es nicht verwunderlich, dass Gökay nach einem größeren Aktionsradius sucht. Zahlreiche Mitgliedschaften, darunter bei der SPD (für die er seit 2014 im Fellbacher Gemeinderat tätig ist), bei Verdi, der AWO, dem Deutsch-Türkischen Forum, der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg deuten darauf hin, dass dieser Mann mehr zu sagen hat. Er will den öffentlichen Diskurs mitbestimmen und zwar nach dem Grundsatz: In Stuttgart daheim und in Deutschland zu Hause.
Seine Verdienste für das friedliche Zusammenleben in Stuttgart und die Förderung von Partizipations- und Teilhabechancen für Benachteiligte sind enorm. Wenn die Stadt Stuttgart heute in den Medien und der Wissenschaft als die Integrationshauptstadt Deutschlands gehandelt wird, dann ist Gökay Sofuoǧlu einer ihrer Architekten. Mit dem Jahrtausendwechsel und dem Inkrafttreten des Stuttgarter Bündnisses für Integration stieg das Interesse der Medien für die Integrationsarbeit der Stadt Stuttgart. Bundesweit wurde über die Integrationserfolge der Stadt berichtet. Und nahezu jede Berichterstattung hatte auch das „Haus 49“ im Fokus.
Im Jahr 2014 betritt unser Laureat die bundespolitische Bühne. Er wird zum Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Gökay ist mit einer Situation konfrontiert, die er als Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg (TGBW), welche er 1999 gegründet hat, allzu gut kennt.
Die Türkei, die noch bis vor einigen Jahren als Vorbild für eine angeblich demokratische Entwicklung eines islamischen Landes heiß gehandelt wurde, driftet ab. Die Gesellschaft in der Türkei ist wieder in Lager gespalten und schon wieder ist das Verständnis für den Andersdenken nicht vorhanden.
Gökay hatte stets davor gewarnt und hierfür harsche Kritik einstecken müssen. Diejenigen in Deutschland, die das türkische Regime zuvor gelobt hatten bzw. Gökay für seine Äußerungen gegenüber dem türkischen Regime und dessen Auswirkungen auf die Deutschtürken kritisiert hatten, stehen heute geläutert da. Die Auswirkungen der innertürkischen Politik auf die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland lassen sich nahezu jeden Tag in unseren Städten beobachten. Befürworter und Gegner, Profiteure und Benachteiligte des türkischen Regimes stehen sich wieder gegenüber.
Die Auswirkungen dieses Phänomens auf die deutsche Medienlandschaft lassen nicht lange auf sich warten. War es doch um die Türkeistämmigen in Deutschland in medialer Hinsicht ruhig geworden, flammte jetzt wieder ein Medienfeuer gegenüber den Deutschtürken auf. Sind Deutschtürken loyal gegenüber dem deutschen Staat? Sind sie überhaupt integrierbar (gemeint ist wohl eher assimilierbar)?
Der Laureat ist ein Glücksfall für die Türkische Gemeinde Deutschland und die Medien. Er argumentiert differenziert und sachlich, lehnt Pauschalisierungen ab. Er nennt das Kind beim Namen. Er analysiert und äußert sich ohne politische Korrektheit. Er hat das Ganze im Blickfeld, nicht nur einen Teil davon. Er weiß, dass viele Diskussionen verschleppt worden sind und dass vieles auf Vorurteilen beruht. Migration und Zuwanderung werden aus einem defizitären Blickwinkel betrachtet.
Er macht deutlich, dass sich die Deutschtürken in ihrer Selbstwahrnehmung als ausgegrenzt fühlen. Zurückzuführen ist dies auf eine fehlende Willkommenskultur in der deutschen Politik und Gesetzgebung, konstatiert Sofuoǧlu. Stichwort NSU: So lange mordende Banden durchs Land ziehen und dies kaum spürbare Konsequenzen für Verantwortliche hatte, so lange wird die Glaubwürdigkeit verlieren.
Entscheidend für Gökay Sofuoǧlu ist jedoch, dass Meinungsbildung ohne Begegnung und Dialog bzw. Diskussion nichts wert ist. Das Wissen, das auf Unwissenheit beruht, hat keinerlei Geltung.
Er bleibt unbequem und macht sich auch in der türkischen Community nicht nur Freunde.
Er fordert sie auf, ihre passive Haltung abzuschütteln und sich aktiv einzubringen – auf Grundlage der Menschenrechte, aber auch der Bürgerpflichten, die Kernelemente unserer demokratischen Zivilgesellschaft sind.
Pragmatische Lösungen seien gefragt und nicht althergebrachte Sitten und Bräuche, die nicht mal im Herkunftsland Gültigkeit haben.
So fordert er die Islamverbände auf, sich zu emanzipieren und sich vom Herkunftsland abzukoppeln. Er nimmt sich jedes Themas an, dass ja fast schon totgeschwiegen worden ist. Schwule und Lesben sind ein fester Bestandteil der deutschtürkischen Community; er rüttelt die ignorante Mehrheit der Deutschtürken wach.
Das Projekt der TGBW „Andrej ist anders und Selma liebt Sandra“ zur kultursensiblen sexuellen Orientierung ist ein mutiges Vorbild auch für andere Migranten-Communities, die sich immer schnell medial zu Wort melden, wenn sie Rassismus gegen ihre Mitglieder erleben, die aber zu Homophobie und zu anderen Formen von Ausgrenzung innerhalb der eigenen Community schweigen.
Davor engagierte sich Gökay gegen häusliche Gewalt in türkeistämmigen Familien im Rahmen einer Männerinterventionsstelle. Zuletzt bildete die TGBW Inklusionsbotschafter aus, die Ansprechpartner sind für Migrantenfamilien, die Angehörige mit körperlicher oder geistiger Behinderung haben.
Die Türkische Gemeinde betreibt unter Gökay Aufklärungsarbeit nach innen und nach außen. Das Verständnis gegenüber Andersdenkenden muss innerhalb der eigenen Community glaubhaft gelebt werden.
Toleranz und Respekt vermittelt man am besten durch das eigene Vorbild.
Von Mahatma Gandhi stammt der Satz, der auch mein Verständnis wiedergibt: „Unter Demokratie verstehe ich, dass sie dem Schwächsten die gleichen Chancen einräumt wie dem Stärksten.
Eine integrative bzw. eine sozial inklusive Demokratie achtet darauf, dass die Menschenwürde aller respektiert wird, d.h. auch die der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Dieses Demokratieverständnis prägt die politische Arbeit von Gökay Sofuoǧlu – sei es in seiner sozialen Arbeit im Quartier oder als Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschlands (TGD).
Die Türkische Gemeinde wird nun verstärkt mit demokratiefeindlichen Tendenzen innerhalb der Deutschtürken konfrontiert – befeuert durch die Einflussnahme der türkischen AKP-Regierung und ihrer Fürsprecher hierzulande für ein Präsidialsystem mit autokratischen Zügen.
An diesem Konflikt wird deutlich, dass die TGD die Pluralität der Deutschtürken nicht abbilden kann. Sie ist die Stimme der aufgeklärten, demokratischen und überwiegend säkular ausgerichteten Immigranten türkischer Herkunft. Als solche hat sie die Pflicht, antidemokratische Entwicklungen hierzulande zu kritisieren – unabhängig davon, ob es sich um rechtspopulistische Kampagnen gegen Muslime und Flüchtlinge handelt oder um deutschtürkische Kampagnen gegen eigene Landsleute und zum Abbau der demokratischen Rechte in der Türkei.
Die TGD wird den innertürkischen Konflikt zwischen Demokraten und religiös-nationalistischen Populisten nicht lösen können. Als eine Stimme der Vernunft wird sie aber das demokratische Zusammenleben in kultureller und religiöser Vielfalt hierzulande stärken. Dies ist insbesondere ein Verdienst von Gökay Sofuoǧlu.
Gute deutsch-türkische Beziehungen sind in unserem gemeinsamen Interesse. Diese Beziehungen werden immer wieder von verschiedenen Interessenskonflikten überlagert. Die aktuelle Krise ist eine besondere Herausforderung für uns alle – nicht nur für die deutsch-türkischen Vereine und Verbände.
Unsere Demokratie stärken wir durch faire Teilhabechancen für alle Bevölkerungsgruppen, und durch unsere demokratische Streitkultur. Diese Streitkultur beinhaltet die kritische Auseinandersetzung mit politischen Ideologien bei gleichzeitigem Respekt gegenüber der Person. Wer andere Meinungen mit der ehrlichen Absicht kritisiert, das Beste für das Allgemeinwohl zu erzielen, verschafft sich auch selbst Respekt.
Ich freue mich, dass wir mit Gökay Sofuoǧlu einen mutigen Mitstreiter haben, der diese Prinzipien authentisch verkörpert. Er setzt sich seit Jahrzehnten in Stuttgart für ein solidarisches Miteinander und gegen Diskriminierung ein, im erfolgreichen Zusammenwirken zahlreicher Kooperationspartner des Stuttgarter Bündnisses für Integration.
Sein bundesweites Engagement im Rahmen der TGD ist eine wesentlich komplexere Aufgabe. Auch hier gilt: Die Professionalisierung und Demokratisierung der deutsch-türkischen Organisationen ist eine gemeinsame gesellschaftspolitische Aufgabe. Die TGD spielt dabei eine Vorreiterrolle. Dabei benötigt sie unsere Unterstützung.
Dazu gehört auch die Würdigung der Leistungen von einzelnen Persönlichkeiten.
Hinter den Organisationen stehen engagierte Menschen.
Die Helga und Edzard Reuter-Stiftung, die Völkerverständigung fördert, hat mit der diesjährigen Preisverleihung an Gökay Sofuoǧlu einen wichtigen Impuls im Sinne ihrer Stiftungsziele gesetzt.
Darüber freue ich mich sehr.
Gökay, du hast den Preis mehr als verdient!

