
Preisverleihung
April 2017, Berlin
Preisträger
Prof. Dr. Sadik J. al-Azm und Gökay Sofuoğlu
Festredner
Michel Friedman, Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Lepenies, Werner Wölfle, Edzard Reuter
Helga und Edzard Reuter-Preis 2017:
Prof. Dr. Sadik Jalal al-Azm und Gökay Sofuoğlu
Die Preisverleihung des Helga und Edzard-Reuter-Preises 2017 stand im Zeichen aktueller Debatten über Demokratie, Meinungsfreiheit und gesellschaftliche Integration. Im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor ehrte die Stiftung zwei Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise für Aufklärung, gesellschaftliche Teilhabe und ein friedliches Zusammenleben engagiert haben: posthum den im Dezember 2016 verstorbenen Philosophen Prof. Dr. Sadik Jalal al-Azm sowie den Sozialpädagogen und Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoğlu.
Zu Beginn der Feierstunde würdigte Edzard Reuter die Preisträger als herausragende Vorbilder, deren Wirken vom „Vertrauen in eine aufgeklärte Vernunft der Menschen“ geprägt sei, die „ein friedliches und vertrauensvolles Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller und ethnischer Herkunft“ ermögliche. Zugleich betonte er die anhaltende Aktualität der Stiftungsanliegen. Das Projekt der gesellschaftlichen Integration sei in Deutschland, so seine Einschätzung, „hierzulande bei Weitem nicht gelungen“.
Damit stellte er eine Verbindung zu den beiden Preisträgern her, die sich trotz aller Widerstände immer wieder für eine „fruchtbare gesellschaftliche Integration jenseits aller religiösen oder sonstigen Vorurteile“ eingesetzt hätten – auch dort, wo Erfolge nicht selbstverständlich gewesen seien.
Mit Blick auf die damaligen Auseinandersetzungen um Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland sagte Reuter: „Es geht um unser eigenes Recht, uns vor Versuchen zu schützen, die nichts Anderes bezwecken, als unsere türkischstämmigen Landsleute blindwütig aufzuhetzen“. Zugleich wandte er sich gegen jede Form nationalistischer Verengung und gegen Angriffe auf Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und freiheitliche Menschenrechte.
Vor der Festrede des Publizisten und Juristen Michel Friedman wurde damit der Rahmen für eine Preisverleihung gesetzt, die gesellschaftliche Verantwortung, kritische Vernunft und demokratisches Engagement in den Mittelpunkt stellte.
Prof. Dr. Sadik Jalal al-Azm (*1934, †2016)
Der Stiftungspreis 2017 wurde Prof. Dr. Sadik Jalal al-Azm posthum für sein Lebenswerk und seinen Verdienst um ein zugewandtes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur verliehen.
In seiner Laudatio würdigte Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Lepenies die Haltung und geistige Unabhängigkeit des syrischen Philosophen. Er pries dessen „ungebrochene innere Freiheit“ und sein „souveränes Verhältnis zur Herkunftsreligion“.
Al-Azm, der wegen seiner „Kritik des religiösen Denkens“ als „Ketzer von Damaskus“ diffamiert worden war, habe sich trotz Inhaftierung und anderer Repressalien in seinem Wirken niemals beirren lassen. Sein Denken und Schreiben standen für die Möglichkeit eines aufgeklärten, der Moderne zugewandten Islam ebenso wie für den Mut zu intellektueller Unabhängigkeit.
Lepenies erinnerte zudem daran, dass al-Azm die Flüchtlingspolitik der deutschen Bundesregierung und das Engagement vieler Menschen in Deutschland ausdrücklich gewürdigt habe, zugleich aber auch auf die mangelnde Aufmerksamkeit für zivilgesellschaftliche Initiativen in seiner syrischen Heimat hingewiesen habe.
Zum Abschluss seiner Würdigung sagte Lepenies: „Wer ihn kannte, wird ihn nicht vergessen, einen bedeutenden Philosophen, den Vordenker für einen der Moderne zugewandten Islam, einen syrischen Patrioten, einen mutigen Mann.“

Gökay Sofuoğlu
Gökay Sofuoğlu erhielt den Stiftungspreis 2017 in Anerkennung seines Einsatzes in Stuttgart und darüber hinaus sowie als Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Gewürdigt wurde damit sein langjähriges Engagement für das Gelingen gesellschaftlicher Integration und für eine aktive demokratische Teilhabe.
Die Laudatio hielt der Stuttgarter Bürgermeister Werner Wölfle, der Sofuoğlu als „eine Marke; ja eine Institution“ beschrieb. Mit dem von ihm betreuten „Haus 49“ habe Sofuoğlu einen „Prototyp der neuen Stadtteilzentren“ geschaffen, in dem „die gesellschaftliche Integration als Teilhabe und Zusammenarbeit aller Bevölkerungsgruppen im Quartier“ möglich geworden sei.
Wölfle würdigte ihn darüber hinaus als einen „politischen Mitgestalter“, der sich in vielfältiger Weise in die Gesellschaft einbringe — unter anderem in der SPD, in der Gewerkschaft Verdi, in der Arbeiterwohlfahrt und in türkischen Institutionen. Mit Blick auf die Integrationskraft der Stadt Stuttgart sagte der Laudator:
„Wenn die Stadt Stuttgart heute in den Medien und der Wissenschaft als die Integrationshauptstadt Deutschlands gehandelt wird, dann ist Gökay Sofuoǧlu einer ihrer Architekten“.
Als Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde und bereits in den Jahren zuvor habe Sofuoğlu immer wieder vor einer Spaltung der Gesellschaft in der Türkei gewarnt, aus der er selbst einst als politisch Verfolgter nach Deutschland geflohen war. Dabei sei er, so Wölfle, „unbequem und macht sich in der türkischen Community nicht nur Freunde“. Gerade darin zeige sich jedoch die Konsequenz seines Engagements. Die Aufforderung, „die passive Haltung abzuschütteln und sich aktiv einzubringen auf Grundlage der Menschenrechte, aber auch der Bürgerpflichten, die Kernelemente unserer demokratischen Zivilgesellschaft sind“, beschrieb Wölfle als eine der zentralen Triebfedern seines Wirkens. Mit der Auszeichnung, so der Laudator, habe die Stiftung „einen wichtigen Impuls im Sinne ihrer Stiftungsziele gesetzt“.

Preisverleihung 2017
Mit der Ehrung von Sadik Jalal al-Azm und Gökay Sofuoğlu setzte die Stiftung 2017 ein Zeichen für Vernunft, demokratische Haltung und den Mut, sich für eine offene Gesellschaft einzusetzen. Beide Preisträger stehen auf unterschiedliche Weise für ein Engagement, das gesellschaftliche Integration nicht als Selbstverständlichkeit begreift, sondern als gemeinsame Aufgabe, die Aufklärung, Dialogbereitschaft und Beharrlichkeit erfordert.
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