Berlin, 18.11.2021: Die Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf wurde für deren herausragende Leistungen in der integrativen Bildungsarbeit für Schüler und Schülerinnen geehrt.
Rede zur Preisverleihung an die Georg-Büchner-Schule:
Eine Ehrung, die zum sozialen Frieden beitragen kann

Berlin, 18.11.2021: Die Helga und Edzard Reuter-Stiftung hat die Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf für deren herausragende Leistungen in der integrativen Bildungsarbeit für Schüler und Schülerinnen aus unterschiedlichen Kulturen mit dem Stiftungspreis geehrt. Die Schule war zudem auch der Wirkungsort des Lehrers Dieter Bachmann, der ebenso wie die ZDF-Journalistin Dunja Hayali mit Stiftungspreisen bedacht wurden.
Die Schulleiterin Amanda Chisnell hat sich für die Ehrung mit dieser Rede bedankt:
Sehr geehrte Damen und Herren,
Überraschungseier, Kinderriegel, Mon Cheri, Küsschen….
Die kennen alle. Bis vor wenigen Monaten kannte aber fast niemand die Stadt, in der das größte Ferrero-Werk außerhalb Italiens steht: Stadtallendorf, knapp 20 km nordöstlich von Marburg. Und so bunt wie das Ferrero-Sortiment ist, so gemischt ist seit dem Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung Stadtallendorfs:
Italiener, Türken, Russen, Polen, Rumänen, Bulgaren, Syrer – sogar die Leiterin der örtlichen Gesamtschule ist keine gebürtige Deutsche, sondern Engländerin. Und dann, mit dem Silbernen Bären, kam der Film in die Öffentlichkeit, und auf einmal war Stadtallendorf auf dem roten Teppich und damit auf der Weltbühne.
Beziehungsweise Herr Bachmann und seine Klasse waren es; die Georg-Büchner-Schule war eher Kulisse. Nur: Diese Kulisse – die Struktur des Schultags, in der eine Lehrkraft so viele Stunden in seiner Klasse hat; das Fach „soziales Lernen“, die Lernzeit und Klassenlehrerstunden, auch das Förderkonzept für die Schülerinnen und Schüler der Intensivklassen, die ohne Deutschkenntnisse an unsere Schule kommen (zurzeit sind es 35) – diese Rahmenbedingungen machten diesen Film erst möglich.
Lieber Dieter, wir haben uns in letzter Zeit oft über den Film und deine ehemalige Schule unterhalten. Wir haben auch einige Klassen im Hauptschulbereich zusammen geleitet; uns eint der Blick auf das Individuum, wir haben uns beide manchmal mehr für diese Individuen eingesetzt als uns guttat. Und genau das machen so viele Kolleginnen und Kollegen an der Georg-Büchner-Schule.
Man kann an dieser Schule aber nur erfolgreich sein, wenn man den Hintergrund unserer jungen Menschen kennt und versteht; wenn man sie alle, beladen mit ihren Päckchen, wie so viele es sind, da abholt, wo sie sind und möglichst weit auf ihrem Weg begleitet.
Das gilt genauso für die, bei denen die Päckchen nicht so offensichtlich sind. Und ohne ein Kollegium, das genau das macht, was du stellvertretend für so viele in dem Film gezeigt hast, wäre die Georg-Büchner-Schule nicht die Schule, die sie ist.
Sehr viele von diesen Schülerinnen und Schülern schaffen es sehr weit: Eine ehemalige Intensivklassenschülerin steht jetzt gerade kurz vor dem zweiten Staatsexamen, sie wird Gymnasiallehrerin mit den Fächern Mathematik und Physik. Unsere Schülerinnen und Schüler haben auch gesehen, dass einige es nicht schaffen, weil die äußeren Umstände doch stärker auf sie einwirken als die Schule es kann. Auch diese Menschen nehmen die Erfolgreichen in ihren Klassen wahr, auch das erleben sie mit. Und das stärkt sie für das Leben.
Nur leider sehen das nicht alle Eltern bei der Schulwahl als Vorteil. Das gut funktionierende Kind soll allzu oft lieber auf ein reines Gymnasium, wo es mit Kindern ähnlicher Herkunft lernt, anstatt auf die örtliche Gesamtschule.
Auch diese Kinder gehen ihren Weg, unbestritten. Und nicht wenige von ihnen werden später auch Lehrer, Entscheidungsträger, werden wichtige Ämter bekleiden – ohne jedoch einen großen Teil der Gesellschaft unseres Landes kennengelernt zu haben oder sie zu verstehen. Und das finde ich, gelinde gesagt, bedenklich. Ein Schüler der Georg-Büchner-Schule, der später Arzt wird, weiß, dass es in einem Krankenhaus auch Reinigungskräfte gibt. Unsere Schüler wissen auch, wie andere Familien leben, sie sehen die ganze Gesellschaft, von der sie ein Teil sind.
Und genau deswegen freue ich mich so sehr, dass dieser Stiftungspreis nicht nur die Leistung eines einzelnen Lehrers würdigt, sondern auch die Stadt und die Schule, die ihm sein Wirken ermöglicht haben. Dieser Preis ehrt einen Teil unserer Gesellschaft, die in bestimmten Kreisen allzu oft kaum wahrgenommen wird. Denn eine zentrale Aufgabe von Schule muss es sein, die Schülerinnen und Schüler auf die Gesellschaft vorzubereiten, in der sie leben. Unsere Schule macht das – und wenn dieser Preis dazu beitragen kann, ein paar andere wachzurütteln und so zum sozialen Frieden beizutragen, dann hat sich unsere Reise nach Berlin mehr als gelohnt.
Sie können sich sicher sein, dass das großzügige Preisgeld im Sinne unserer Schülerschaft eingesetzt wird. Nächste Woche wird die Gesamtkonferenz und die Schülervertretung mit darüber abstimmen, wie die Schulgemeinde nachhaltig davon profitieren kann. Wir werden berichten.
Für heute aber, im Namen der Schulgemeinde der Georg-Büchner-Schule Stadtallendorf: Danke für diese Anerkennung, danke für diesen Preis, und danke, dass wir alle damit ein Zeichen für unsere Gesellschaft setzen können.

