Berlin, 27.02.2025: Dr. Martin Brudermüller, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Mercedes-Benz Group AG, würdigt den Stiftungsgründer Edzard Reuter.
Dr. Martin Brudermüller über Edzard Reuter:
Ein überzeugter Kämpfer für Freiheit und Demokratie

Berlin, 27.02.2025: Im Rahmen der Verleihung der Stiftungspreise der Helga und Edzard Reuter-Stiftung hat der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Mercedes-Benz Group AG, Dr. Martin Brudermüller, den Stiftungsgründer Edzard Reuter gewürdigt. Dieser war von 1964 bis 1995 in verschiedenen Positionen des Konzerns tätig, darunter zuletzt als Vorsitzender des Vorstands der Daimler-Benz AG.
Die Rede von Dr. Martin Brudermüller im Wortlaut:
Vielen Dank für die Einladung.
Es ist mir eine Ehre, als Aufsichtsratsvorsitzender von Mercedes-Benz heute eine der prägendsten Persönlichkeiten unserer Unternehmensgeschichte zu würdigen: Edzard Reuter.
Am 27. Oktober 2024 ist er im Alter von 96 Jahren in Stuttgart verstorben. Wir gedenken eines Mannes, dessen Visionen und Führungsqualitäten nicht allein die Entwicklung der damaligen Daimler-Benz AG über drei Jahrzehnte maßgeblich geprägt haben. Sein Einfluss war weit über die Unternehmensgrenzen hinaus spürbar.
Edzard Reuter war ein Mensch von außergewöhnlicher Tiefe, Weitsicht und Integrität: ein visionärer Manager, ein Kämpfer für Demokratie und soziale Gerechtigkeit und bis zuletzt ein engagierter Philanthrop.
Nach Stationen bei der Universum Film AG und der Bertelsmann-Gruppe holte Hanns-Martin Schleyer den studierten Rechtswissenschaftler im Jahr 1964 zur Daimler-Benz AG. Hier begann ein Kapitel, das nicht nur sein Leben prägen sollte, sondern auch die Entwicklung eines der bedeutendsten Industrieunternehmen unseres Landes.
Innerhalb der Daimler-Benz AG übernahm er zunächst Sonderaufgaben im Finanzbereich. Ab 1971 war er für die Unternehmensplanung zuständig. Nachdem er 1973 zum stellvertretenden Vorstandsmitglied bestellt wurde, erhielt er 1976 einen ordentlichen Sitz im Vorstand. Ab 1980 übernahm er das Ressort Finanzen und Betriebswirtschaft. Ab 1987 wurde er stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes. Im September des gleichen Jahres wurde Edzard Reuter schließlich Vorsitzender des Vorstandes der Daimler-Benz AG. Dieses Amt hatte er bis Mai 1995 inne.
Seine Amtszeit als Vorstandsvorsitzender stand ganz im Zeichen der Bildung einer diversifizierten Daimler-Benz AG. Der Schaffung eines „integrierten Technologiekonzerns“, den er durch zahlreiche Unternehmenszukäufe formte. Unter Reuters Führung erwarb Daimler-Benz unter anderem den Flugzeugbauer Dornier, den Elektrokonzern AEG und den Triebwerkshersteller MTU. In seiner Amtszeit wurde die Luft- und Raumfahrttochter DASA gegründet, aus der später die erfolgreiche Airbus-Gruppe hervorging.
Größe allein war dabei für ihn kein Selbstzweck. Die Strategie war, in neue Technologiefelder zu expandieren und das Unternehmen so breiter aufzustellen. So wollte man auf Konjunkturschwankungen besser reagieren können und die Abhängigkeit vom Automobilgeschäft reduzieren. Seine Vision setzte Reuter mit großer Leidenschaft, innovativen Ideen und Kreativität um. Stets verbunden mit dem Ziel, den unternehmerischen Erfolg mit sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden.
„Die Furcht vor Arbeitslosigkeit leitet sich aus einer häufig zu kurzfristigen oder nur betriebsbezogenen Betrachtungsweise ab“, sagte er einmal. Gut aufgestellte Unternehmen hingegen bieten langfristig sichere Arbeitsplätze. Überlieferungen zufolge hing in seinem Büro ein Bild mit einem Dinosaurier, versehen mit der Zeile: „History is full of giants who couldn’t adapt.“ Unternehmen müssten bereit sein, sich stets zu hinterfragen, gesellschaftliche Veränderungen zu berücksichtigen und sich langfristig auszurichten.
In einer Phase steigender Managergehälter forderte er Maßhaltung und betonte, dass Spitzenpositionen nicht nur Privilegien, sondern auch Verantwortung mit sich bringen.
Reuter war ein Mann mit starken Überzeugungen. Er scheute sich nicht, seine Meinung zu äußern und für das einzutreten, was er für richtig hielt. Dabei stießen seine strategischen Entscheidungen mitunter auch auf Kritik und Widerstand. Reuter hielt diese Widerstände aus, er suchte nie den einfachen Weg. Er stand für seine Überzeugungen ein und zeigte sich auch in schwierigen Zeiten als inspirierende Führungspersönlichkeit von großer Standhaftigkeit.
Diese Standhaftigkeit kam nicht von ungefähr. Als Sohn des legendären sozialdemokratischen, ersten frei gewählten Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter wuchs er in einer Zeit des Umbruchs und gewaltiger Herausforderungen auf. Seine Familie musste 1935 vor den Nationalsozialisten in die Türkei fliehen, eine Erfahrung, die den jungen Edzard tief prägte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Deutschland zurück – in ein Land, das in Trümmern lag. Auch moralisch.
Die tiefe Verbundenheit zu seiner Familie, insbesondere zu seinem Vater, begleiteten ihn stets. Sie formte ihn zu einem weltoffenen und empathischen Menschen, der das Wohl seiner Mitmenschen im Blick hatte und sich der Verantwortung bewusst war, die aus der Geschichte erwächst. Und so war es auch unter seiner Führung, als im Juni 1988, 43 Jahre nach Kriegsende, die finanzielle Wiedergutmachung der bei Daimler-Benz beschäftigten Zwangsarbeiter beschlossen wurde. Während des Zweiten Weltkrieges mussten zeitweise bis zu 30.000 Zwangsarbeiter für das Unternehmen arbeiten – insbesondere für die Produktion von Rüstungsgütern.
Die Aufarbeitung dieser besonders unrühmlichen Geschichte während des Dritten Reichs und der monetäre Ausgleich wurden von Seiten der Öffentlichkeit begrüßt. Sie waren auch Vorbild für andere Unternehmen, die von Zwangsarbeit profitierten, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.
Doch auch die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen der Gegenwart beschäftigten ihn.
So warnte er vor den Gefahren einer zunehmenden sozialen Spaltung. Besonders das „Auseinanderklaffen“ von Arm und Reich sah er als Bedrohung für die Stabilität der Gesellschaft an. Er scheute sich auch nicht, Missstände in der Wirtschaft und der Gesellschaft offen anzusprechen. „Ein reiner Turbokapitalismus könne in Chaos und Kampf münden“, sagte er einmal im Interview.
Als überzeugter und aktiver Sozialdemokrat trat er zudem für Frieden, Freiheit und Demokratie ein. Allerdings machte er auch klar, dass für ihn nicht sein SPD-Parteibuch im Vordergrund stünde. „Man kann ein Unternehmen nicht christlich oder sozialdemokratisch, sondern nur gut oder schlecht führen“, so Reuter.
Seine Forderung nach moralischem Handeln in der Wirtschaft ist jenseits aller Parteipolitik aktueller denn je. Nachhaltiges und integres Handeln, Compliance sowie Corporate Social Responsibility - also die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen - sind heute fester Bestandteil einer guten Unternehmensführung.
Auch nach seiner Zeit bei Daimler-Benz blieb Reuter als kluger Geist und Autor ein gefragter Gesprächspartner und Berater, dessen Meinung geschätzt wurde. Reuter verfasste mehrere Bücher, darunter „Der schmale Grat des Lebens“, in dem er Begegnungen mit prägenden Persönlichkeiten wie Hanns-Martin Schleyer und Alfred Herrhausen reflektierte. Noch im Jahr 2022 veröffentlichte er das Buch „Der Preis der Freiheit. Was Europa jetzt tun muss - Ein Weckruf“. Auch hierin zeigte er sich als überzeugter Europäer und Streiter für eine Wirtschaft, die auch am Wohl von Gesellschaft und Umwelt ausgerichtet ist.
Berlin, seine Geburtsstadt, blieb für den Wahl-Stuttgarter stets sein Herzensort. Besonders stolz war er auf seine Beteiligung an der Entwicklung des Potsdamer Platzes, der unter seiner Leitung zu einem Symbol für den Wiederaufbau und die Modernität Berlins wurde. Im Jahr 1998 wurde Reuter zum Ehrenbürger Berlins ernannt.
Edzard Reuter war aber nicht nur ein visionärer Manager und ein überzeugter Kämpfer für Freiheit und Demokratie, er war auch ein Kulturliebhaber.
So förderte er aktiv die Kunstsammlung der damaligen Daimler-Benz AG. Zur Sammlung gehören heute rund 3.000 Werke von über 800 Künstlerinnen und Künstlern. Er war regelmäßiger Gast in Theater- und Opernhäusern. Sein Bauhaus-inspiriertes Zuhause am Stuttgarter Stadtrand, in Schönberg, spiegelte seinen Sinn für Ästhetik wider.
Doch seine wahre Kunst bestand darin, Brücken zu bauen – zwischen Menschen, Kulturen und Interessen: Gemeinsam mit seiner Frau gründete er die „Helga und Edzard Reuter Stiftung“, die sich für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und für ein gutes gesellschaftliches Miteinander und für soziale Gerechtigkeit einsetzt.
Am 17. November 2024, drei Wochen nach dem Tod ihres Mannes, verstarb auch Helga Reuter im Alter 87 Jahren. Bis zu ihrem Tod blieben beide ihrer Mission unermüdlich treu.
Liebe Gäste, mit dem Tod von Edzard Reuter endet ein „Jahrhundertleben“, wie der Berliner Tagesspiegel schrieb.
Wir verlieren einen herausragenden Manager, einen visionären Denker und einen engagierten Philanthropen, dessen Einfluss weit über seine Zeit bei Daimler-Benz hinausreichte. Wir verlieren einen klugen Mahner und unermüdlichen Streiter für eine gerechtere Welt und einen leidenschaftlichen Brückenbauer.
Seine Werte und Ideen bleiben aktuell und prägen die Gesellschaft auch nach seinem Tod weiter. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Angehörigen. In Dankbarkeit für seine Leistungen, sein Engagement und seine Inspiration bewahren wir ihm ein ehrendes Andenken.
Mögen Edzard Reuter und Helga Reuter in Frieden ruhen.
Vielen Dank.

