Berlin, 18.11.2021: Laudator und Lehrer-Kollege Önder Çavdar von der Georg-Büchner-Schule hat Dieter Bachmann zur Preisverleihung im Namen der Jury gewürdigt.
Laudatio auf Stiftungspreisträger Dieter Bachmann:
Ein Mensch, stabil wie ein Baum, an den man sich lehnt

Berlin, 18.11.2021: Die Helga und Edzard Reuter-Stiftung hat den ehemaligen Lehrer Dieter Bachmann mit dem Stiftungspreis 2021 geehrt. Neben ihm wurden auch die ZDF-Journalistin Dunja Hayali und die Georg-Büchner-Schule (Stadtallendorf) mit Stiftungspreisen bedacht.
Laudator und Lehrer-Kollege Önder Çavdar von der Georg-Büchner-Schule hat Dieter Bachmann im Namen der Jury gewürdigt:
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich begrüße Sie von Herzen an diesem besonderen Abend und stelle mich Ihnen zunächst einmal vor: Mein Name ist Önder Çavdar. Ich bin Lehrer der Georg-Büchner-Schule im hessischen Stadtallendorf, der Ort an dem der Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ gedreht wurde.
Warum habe nun ausgerechnet ICH die große Ehre, diese Laudatio halten zu dürfen? Nun, es ist so, es einen sich in meiner Person verschiedene Rollen: ich bin ein Kind der Stadt Stadtallendorf, ich bin tatsächlich dort aufgewachsen, meine Eltern sind aus der Türkei und kamen in den 70ern nach Deutschland. Von der fünften Klasse bis zur 10. Klasse war ich Schüler der GBS. Und schlussendlich bin ich selbst wieder Lehrer an dieser Schule und Kollege und Freund des Herrn Bachmann. Ich denke, ich darf mich als Beispiel für eine gelungene Integration und Bildungserfolgsgeschichte betrachten! Ich spreche also hier zu Ihnen als Schüler, Lehrer, Kollege und Freund von Dieter, Kind von Einwanderern, Kind Stadtallendorfs. Und, ich wiederhole mich, als gelungenes Beispiel für die Bildungsarbeit in der GBS.
Das kleine gallische Dorf „Stadtallendorf“, wie Dieter dazu sagt, hat eine besondere Geschichte.
Fernab von Großstädten, mitten in Hessen in einem Niemandsland, entstand, im kleinen, damals noch Allendorf, im Zuge des zweiten Weltkrieges eine Munitionsfabrik für Hitlers Armee. Aus diesem Ort wurde nach dem 2. Weltkrieg mit der Zeit eine Multikultistadt mit zahlreichen Nationen. In den Ruinen der Munitionsfabriken entstanden große Firmen. Wussten Sie schon, dass das Nutella auf Ihren Frühstückstisch aus Stadtallendorf kommt?
Und nicht nur das: Höchstwahrscheinlich kommt ihr Auto mit Bremsscheiben aus Stadtallendorf zum Stehen. Die großen Firmen von Ferrero und Fritz Winter prägen das gesamte Stadtbild und das gesellschaftliche Leben. Nicht nur äußerlich, sondern auch kulturell. Und sogar sozusagen olfaktorisch: wenn man nach Stadtallendorf in die Stadt mit dem Auto hineinfährt, denkt ein jeder erstmal, dass das eigene Auto kaputt sei- dabei ist es der typische Geruch dieser Stadt!
Mit der Ansiedlung beider Firmen in Stadtallendorf und der Anwerbung der Gastarbeiter veränderte, sich das Stadtbild in den 50ern: Türken, Italiener, Portugiesen und viele weitere Menschen aus aller Welt kamen nach Stadtallendorf. Wie Max Frisch sagte „ riefen wir Arbeiter und es kamen Menschen“. Mit diesen Menschen und deren Bedürfnissen wuchsen natürlich auch die Herausforderungen an die Georg-Büchner-Schule, die früher Teichschule hieß. Komisch, dass am Fuße der Schule ehemals ein Arbeiterlager war.
Fragt man Kolleginnen, was besonders an unsere Schule ist, sagen die meisten: die Schülerinnen sind im Vergleich zu anderen Schulen besonders freundlich. Aber diese Kinder haben auch besondere Bedürfnisse. Sprachlich, kulturell und in Bezug auf den Bildungshintergrund sind unsere SchülerInnen eine Besonderheit.
Betrachten wir mal meine aktuelle Klasse: Von 24 Kindern hat eines davon Eltern ohne Migrationshintergrund. Das ist wahrhaftig nicht repräsentativ für Deutschland. Russland, Türkei, Italien, Kroatien, Syrien etc…. Sie werden es vielleicht nicht glauben: Die Ethnien spielen im Alltag unsere Schule für die meisten kaum eine Rolle. Nicht nur unsere Schule, sondern die Stadt ist besonders: Christen, die mit ihren muslimischen Freunden Bayram feiern, Muslime die sich auf Weihnachten freuen. Das sind die schönen Seiten unserer Schule.
So romantisch sich dies nun anhören mag, so haben wir als Schule auch mit Negativem zu kämpfen. Die Schule leidet nach wie vor, mal mehr, mal weniger unter Vorurteilen. Gerade weil unsere Schulgemeinde so bunt und vielfältig ist. Obwohl wir eigentlich DIE Stadt-Schule am Platz sind, schicken leider immer noch viel zu viele Eltern ihre Kinder auf entfernte Schulen.
Dennoch: von der GBS gehen nur sehr wenige als Bildungsverlierer aus dem System heraus. Unsere Quote an Bildungsgewinnern ist sehr hoch! Woran liegt das? Bei uns ist jeder willkommen: Schülerinnen, die aus anderen Schulen kommen, werden herzlichst aufgenommen. Ehemalige Mobbingopfer kommen zu uns und fühlen sich wieder wohl. Für einen kleinen Eindruck zitiere ich hier ein paar ehemalige Schülerinnen und Schüler.
„Jeder akzeptiert jeden so wie er ist“ (Amina);
„Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern sind sehr nah“ (Nikolai);
„Wenn es schulisch nicht so läuft, wird einem von den Lehrern geholfen“ (Ilya);
„Wünsche wurden entgegengenommen und Probleme wurden so schnell wie möglich versucht zu lösen“ (Sudem);
„Man wird nicht unter Druck gesetzt, sondern unterstützt“ (Evelyn);
„Außerdem ist Stadtallendorf sehr multikulturell, weswegen man sich egal welcher Ethnie man angehört, wohl fühlt“ (Nikolai);
„Schnitzelbrötchen war lecker“ (Hasan);
„Oh Mann vermisse ich diese Schule“ (Ayoub).
Max sagt: „Ich war an einer Schule, die einen guten Ruf hat, und die war trotzdem sehr schlecht. Ich wurde gejobbt. Dann kam ich an die GBS mit einem schlechten Ruf, und diese entpuppte sich als sehr gut. Ich gehe wieder gerne zur Schule.“
In den Medien geht es immer wieder um das Thema Digitalisierung. Hier sind wir vielen Schulen weit voraus. Die Diskussion, dass die Schule generell in der Digitalisierung hinterher hänge, kaschiert in meinen Augen die wahre Problematik nur: Viele Kolleginnen und vor allem Schülerinnen und Schüler werden verheizt und sind mit den alltäglichen Herausforderungen am Limit ihrer Kräfte. Nichtsdestotrotz kämpfen die Kolleginnen und Kollegen für die Schülerinnen. Wie einst Goethe sagte, Lernen funktioniert nur mit Liebe, verteilen wir Lehrkräfte Nächstenliebe, Verständnis und versuchen unseren Kindern der GBS eine Stimme zu geben. Gelingt uns das immer? Wohl kaum. Das System Schule behindert in vielen Bereichen das Miteinander und die wirkliche Integration. Wäre unser Schulsystem ein Wirtschaftsunternehmen, wir wären schon längst Bankrott.
Nun aber genug der Kritik! Ich spreche hier vor ihnen, um die besondere Arbeit unserer Schule und die besondere Arbeit von Herrn Bachmann zu loben- deswegen ja die Laudatio! Lassen sie mich lieber ein bisschen tiefer über ein schönes Thema sprechen: die Liebe.
Passt das denn überhaupt in den Kontext Schule?
Selbstverständlich kann ich ihnen nur sagen: Wenn ich an Liebe in Verbindung mit Schule denke, denke ich an unsere Schülerinnen und Schüler dieser Schule. Sie sind wahrhaftig einzigartig und besonders liebenswert. Kinder, die besonders freundlich und herzlich sind. Unsere Schülerinnen und Schüler grüßen uns, wenn sie uns außerhalb der Schule sehen und schauen nicht weg. Diese Kinder brauchen Menschen, die Ihnen eine Stimme geben. Wie im Film zu sehen ist, haben viele unserer Schülerinnen und Schüler kaum eine Lobby, die hinter ihnen steht. Oftmals weil schlichtweg die Sprache dafür fehlt. Und genau diese Stimme verleihen unsere Kolleginnen und Kollegen ihrer Schülerschaft.
Ein ganz besonderer Lehrer ist Dieter. Dieter zeigte immer außerordentlich viel Liebe für die Stadtallendorfer Kinder. Seine Loyalität und sein Einsatz für diese jungen Menschen waren grenzenlos. Sein Herz für seine Schülerinnen und Schüler war riesig und so kämpfte er immer im Sinne des Wohls seiner Kinder.
Nun verrate ich Ihnen Dinge, die im Film nicht zu sehen sind. Keine Angst, Dieterle, es kommen nur ein paar Insider-Informationen. Dieter ist bei uns an der Schule wie eine Universalwaffe gewesen, die überall zum Einsatz kommen konnte. Er unterrichtete Ethik, Deutsch, Geschichte, Mathe, GL... Dieter, hast du eigentlich ein Fach NICHT unterrichtet? Wahrscheinlich Französisch und Latein – wobei er der französischen Sprache auch mächtig wäre – ist eben die Sprache der Liebe…
Auch wurde er zwischendurch für den Hausmeister gehalten. Das Schöne war: Er fand es nicht schlimm. Im Gegenteil. Dieterle mochte es gar nicht immer, Lehrer zu sein. Das hat nicht mit mir, den Schülerinnen und Schülern zu tun. Das System brachte ihn oft an seine Grenzen. Ja, sogar so weit, dass er nach seinem Referendariat wohl gar keine Lust hatte, überhaupt als Lehrer zu arbeiten und eine Ausbildung zum Bildhauer machte.
Zum Glück kam er irgendwann an die GBS! Hier könnte man ihn auch als Feuerwehrmann bezeichnen, als Unterstützer in allen Lebenslagen: Referendarinnen und Referendare, Kolleginnen und Kollegen, die mit Klassen nicht zurechtkamen, fragten ihn auch immer um Rat. Als leidenschaftlicher Musiker unterstützte er mit seinen Kids Schulveranstaltungen.
Für den Umgang mit schwierigen Klasse empfahl er, eine Rüstung anzuziehen. Im metaphorischen Sinne empfahl er es. Für ihn war es tatsächlich seine Lederjacke, keine Ritterrüstung. Es konnte also auch mit Dieter sehr streng sein. Nicht umsonst sagte einst unsere pensionierte Förderstufenleiterin: Dieter du kannst doch so gut mit schwierigen Kindern. Also in brennende Klassen wurde nicht selten Dieter gerufen.
Dieter ist auch Pferdeflüsterer: Nun werden sie sich fragen, wie hängt jetzt das schon wieder mit der Schule zusammen. Dieter sagte, wer mit Pferden umgehen könne, könne dies auch mit Klassen. Vor allem mit schwierigen Klassen. Also Pferde sind wie Schülerinnen und Schüler. Es ging ihm hier um die Körpersprache des Lehrers. Also des Leaders: Pferde akzeptieren einen Leader wohl anhand der Körpersprache.
Das Motto der GBS lautet „Stärken fördern, Kräfte entwickeln, Vielfalt gestalten, Miteinander leben“. Dieter, wie auch die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen leben dieses Motto in ihrem Schulalltag. Auch mich haben meine damaligen Lehrkräfte geprägt- sie haben meine Stärken gesehen, gefördert und mit Kräften unterstützt. Das vielfältige Miteinander hat mich im Umgang mit meinen Mitmenschen geprägt.
So wie auch Du, lieber Dieter, Menschen für das Leben geprägt hast! Danke GBS, Danke Dieter! Bevor ich aber zum Ende komme, möchte ich Ihnen zwei letzte Weisheiten des Dieter Bachmann mit auf den Weg geben:
1. „Ein Schüler braucht einen stabilen Baum, an den er sich anlehnen kann, der nicht morsch ist und dann umkippt.“
2. „Liebe ist es, nach der zweiten Schokolade „Nein“ zu sagen.
In diesem Sinne: Übertreiben sie es nicht mit dem Nachtisch. Schenken wir unseren Kindern noch mehr Liebe und verleihen ihnen eine Stimme!

