Berlin, 25.06.2020: Die Dankesrede des Schauspielers Adnan Maral zum Helga und Edzard Reuter-Preis 2020 im Wortlaut.

Stiftungspreise 2020:

Dankesrede des Preisträgers Adnan Maral

Dankesrede des Preisträgers Adnan Maral

Berlin, 25.06.2020: Bundespräsident a.D. Christian Wulff und der Schauspieler Adnan Maral wurden 2020 mit den Stiftungspreisen der Helga und Edzard Reuter-Stiftung geehrt. Die Stiftung zeichnet mit der Vergabe der Preise immer wieder Leistungen von Menschen aus, die sich in besonderer Weise für die Völkerverständigung und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft eingesetzt haben.

Die Verleihung des Helga und Edzard Reuter-Preis findet üblicherweise im Rahmen einer Festveranstaltung statt. Wegen der Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie musste die Veranstaltung ausfallen. Die Ehrungen wurden daher telefonisch ausgesprochen und die Urkunden schriftlich übermittelt. Auch die Laudationes und Dankesworte der Geehrten wurden auf diesen Wegen ausgetauscht.

Nachstehend wird die Dankesrede des Preisträgers Adnan Maral wiedergegeben:

Begrüßung an alle Anwesenden!

Dank an das Kuratorium der Stiftung und natürlich an Helga und Edzard Reuter persönlich. Die erste Begegnung mit Edzard Reuter war eine Wohltat. Herr Reuter hat mich ganz selbstverständlich auf Türkisch angesprochen. Das vermisse ich manchmal und es war für mich sofort ein Herzöffner. Die Art und Weise von Herrn und auch von Frau Reuter, wie sie mir beide mit einem so aufrichtigen Respekt begegnet sind, hat mich berührt und so gehen Sie sicherlich mit allen Menschen um. Mit einer absoluten Klarheit. Mir ist bewusst, dass Sie, Herr Reuter, sozusagen meine Geschichte andersherum erlebt haben. Wie Sie die Heimat in der Türkei gefunden, die Sprache auf der Straße gelernt haben, wie wohlwollend Sie von meiner türkischen Heimat sprechen, das ist sehr schön, denn oft muss ich mich und meine türkische Herkunft erklären. Meine Frau und ich haben beide nach der ersten Begegnung zueinander gesagt, wir hätten Sie gerne schon viel früher kennengelernt und wir können ohne Frage viel von Ihnen und Ihrer Art und Weise, wie Sie mit Menschen und Situationen umgehen, lernen. Es ist wunderbar, dass wir uns begegnet sind.

Erste Begegnung mit dem Namen Reuter

Die Begegnung mit der Familie Reuter geschah im Grunde genommen schon ganz früh. Ich ging in Frankfurt auf die „Ernst-Reuter-Schule“. Das war absolut das Richtige für mich. Ich war übrigens Mitglied der berühmten Fahrrad-AG. In der Schule wurde ein sehr freier Geist gelebt. Und wir pflegten einen äußerst respektvollen Umgang mit den Lehrern. Ich denke sehr gerne an diesen Abschnitt meiner Schulzeit zurück.

Wer hätte gedacht, dass mich später noch mehr mit dem Namen Reuter verbindet. Dann bin ich 2006, kurz nach der Geburt meines zweiten Sohnes Can, mit Frank-Walter Steinmeier, dem damaligen Außenminister, in die Türkei geflogen und habe die Ernst-Reuter-Initiative unterstützt. Sie soll den Deutsch-Türkischen Dialog fördern. Es ist sehr bedauerlich, wie diese Initiative derzeit unter der aktuellen politischen Situation in der Türkei leidet.

Etwas über meinen Weg, ein Beispiel für viele Wege...

Jeder Weg eines jeden Menschen ist natürlich einzigartig! Mein Weg hat mich aus der Türkei hier nach Deutschland gebracht. Ich bin in Frankfurt aufgewachsen. Als Kind und Jugendlicher war es immer wieder schwierig, mich als Teil von Deutschland zu sehen. Ich habe mich bemüht und versucht, „es“ richtig zu machen. Bis ich gemerkt habe, dass ich längst ein Teil dieser Gesellschaft bin. Die weitaus größere Erkenntnis aber war jedoch: Auch wenn ich mich als Teil von Deutschland fühle, ist es für viele andere nicht selbstverständlich.

Das war natürlich ein längerer Prozess, aber das ist der Grund, weshalb ich mich auch entschieden habe, mich ganz aktiv dem Thema zu widmen: Das gemeinsame Aufeinander zugehen schafft Brücken und lässt uns gemeinsame Geschichten schreiben, die Hemmungen überwinden und sich dem angeblich „Fremden“ zu öffnen.

Obwohl ich und viele andere Gastarbeiterkinder schon teilweise 40 Jahre oder mehr hier in meiner deutschen Heimat lebe, bin ich für manche Mitbürger immer noch ein Fremder. Unendlich traurig und ohnmächtig hat mich das gemacht. Begrenzungen treffen noch heute einen Nerv bei mir. Jeder Mensch möchte Anerkennung und angenommen werden. Das ist ein Urbedürfnis. Es war natürlich schnell klar, dass es nicht nur mir so geht, sondern auch vielen Menschen mit anderen Wurzeln.

Nachdem ich als Schauspieler immer mehr an Bekanntheit gewann und die Presse auch immer mehr von mir „wollte“, habe ich mich ganz bewusst entschieden, mich persönlich zwar frei zu machen, d. h. mich von den Vorurteilen der anderen emotional zu lösen und den Menschen mit Verständnis und Humor zu begegnen. Aber für diejenigen, die die Kraft oder den Raum nicht haben, für diese Menschen plädiere ich für mehr Offenheit und Akzeptanz und mache darauf aufmerksam. Ich habe angefangen zu schreiben und äußere mich in der Presse dazu. Ich habe das Thema in mehreren Büchern mal offensichtlicher, mal versteckter verarbeitet. „Adnan für Anfänger – mein Deutschland heißt Almanya“ zum Beispiel.

Um aber meine Geschichten auch filmisch und einem breiten Publikum erzählen zu können, habe ich 2015 eine eigene Filmproduktion gegründet. Die Yalla Productions. Mit der Produktion kann ich meinen Wunsch in die Filme einfließen lassen, einen Beitrag zum selbstverständlichen Miteinander zu leisten, so wie mir Edzard Reuter damals begegnet ist. Mit meinen Geschichten möchte ich ein Gefühl der Akzeptanz vermitteln.

Meine Vision ist, dass sich die Menschen gegenseitig in die Augen schauen und wirklich den Menschen und sein Wesen sehen und nicht dessen äußeres Bild.

Deutschland

Das Schicksal hat mich hier nach Deutschland gebracht. Jeder Mensch wird in eine Familie und in ein Land hineingeboren. Nach der Geburt lernen wir alle zu leben, die Geschichte fängt an. Unsere Gedanken und unsere Haltung formen sich durch die Umgebung und die Mitmenschen.

Ich stamme aus einem sehr, sehr kleinen Dorf an der Grenze zu Armenien, Cildir heißt es. Meine Mutter hat uns Kinder, meine zwei älteren Brüder und mich alleine in einem Steinhaus, das aus einem einzigen Raum bestand, auf die Welt gebracht. Die Hebamme wohnte zu weit weg und mein Vater war schon seit vier Jahren in Deutschland.

Uns Kinder zu ernähren, war wahnsinnig anstrengend für meine Mutter. Sie hat die Feldarbeit gemacht, die Kuh gemolken, musste täglich Wasser holen, denn es gab noch kein fließendes Wasser und sowieso war unser Leben in dem Dorf ohne Elektrizität. Cildir liegt in den Bergen, nicht am Meer und im Winter wird es sehr kalt, da sind durchaus -20 Grad möglich. Meine Mutter hat sowohl die „Männerarbeit“ als auch die „Frauenarbeit“ erledigt. Sie war weder in der Schule, noch konnte sie sich für einen eigenen Weg entscheiden. Meine Familie ist sozusagen eine Bauernfamilie.

Der Antrieb meiner Eltern, nach Deutschland zu kommen war, dass wir drei Jungs es mal besser haben sollten, um nicht immer am Rande der Existenz leben zu müssen, so wie sie. Jetzt bin ich selbst dreifacher Vater und heute weiß ich, was es heißt, Kinder großzuziehen. Ich ziehe meinen Hut am meisten vor meiner Mutter, sie ist meine Heldin. Sie war es auch, die der Lebensart in dem Dorf ohne Mann und Vater der Kinder ein Ende bereitete. Sie wollte so nicht mehr weiterleben. Ich kannte meinen Vater eigentlich gar nicht. Er war ja weit weg und kam einmal im Jahr nach Hause.

Wenn ich mir dieses Leben so vorstelle, waren es wirkliche existenzielle Entscheidungen sowohl als mein Vater das Dorf verließ, als auch wir mit meiner Mutter weggingen. Das Dorf zu verlassen, hieß auch, diese Lebensart mit der Natur und die Heimat für immer zu verlassen. Ein Zurück gab es nicht mehr. Das hinterlässt eine lebenslange Zerrissenheit. Auch wenn es ein hartes Leben war im Dorf, vermissen meine Eltern es bis heute. Ich denke, das kann jeder Mensch nachfühlen, der seine Heimat verlassen hat. Das kann ja schon sein, wenn man vom Norden in den Süden Deutschlands zieht. Es ist ganz natürlich, dass jeder seine Wurzeln nicht loslassen will und an der Herkunft festhält.

Das heißt aber nicht, dass man sich nicht auf Neues einlassen kann. Wir Kinder haben diese ewige Sehnsucht unserer Eltern nach der türkischen Heimat immer wieder gespürt, aber es war nie meine Sehnsucht. Mein Zuhause ist Deutschland, deshalb könnte ich mich nie für eines der Länder entscheiden. Ich werde immer wieder gefragt: “Fühlst du dich mehr als Türke oder als Deutscher?“ Was soll ich da antworten? Halb und Halb? Ist diese Frage wirklich überhaupt zu beantworten? Braucht es diese Frage?

Wo ist meine Heimat

Mein Heimatdorf kenne ich hauptsächlich aus Geschichten/Erzählungen und aus den Sommerferien.

Ich sehe die leuchtenden Augen meiner Mutter, wenn sie von ihrer Heimat spricht. Ich liebe das Essen von dort, weil es mich auch an meine Kindheit erinnert, weil meine Mutter es gekocht hat. Hätte sie deutsche Gerichte gekocht, würde dieses Essen wahrscheinlich für mich Heimat bedeuten. Die meisten meiner Erinnerungen sind in Deutschland in meiner deutschen Heimat und meinem deutschen Zuhause.

Die türkische Heimat waren die Sommerferien, die Berge, die Natur. Da hab ich Reiten gelernt, habe die Schafe gehütet und bin mit meinen Cousins tagelang über die Hügel gezogen. Da war kein Luxus, aber wir waren frei. Keine Autos. Das tagelange von morgens bis abends über die Felder flitzen, das war toll für mich und ein großer Unterschied zu Frankfurt. Doch da waren wir nicht zu Hause, das waren die Ferien. Das ist mein Gefühl zur Türkei. Ferien, Gastfreundschaft, Verwandte besuchen (was ziemlich nervig sein konnte) einen Alltag dagegen habe ich dort nie gelebt. Aber auch da schlägt mein Herz und fühlt sich wohl. Meine allererste Erinnerung ist, als ich die leckeren Rindswürstchen im Flieger von Istanbul nach Frankfurt gegessen habe. Ich war begeistert. Ich weiß noch, wie ich, im Flieger sitzend, meine Schuhe betrachtete und meine Würstchen kaute. Meine zweite Erinnerung ist, als ich aus dem Flieger stieg und unser Vater uns abgeholt hat. Für mich war er ein Fremder. Ich musste ihn erst kennenlernen. Ja...

In Frankfurt haben wir nach den ersten Startschwierigkeiten unsere erste Wohnung bezogen. Sie war klein, aber es gab einen tollen Innenhof, da kamen alle Nachbarn zusammen und wir haben gemeinsam, welcher Herkunft auch immer, Feste gefeiert oder die lauen Sommerabende genossen. Der Innenhof war im übertragenen Sinn das freie Feld in Frankfurt. Ich kann mich so gut erinnern, dass ich mir als Kind nicht ein einziges Mal Gedanken gemacht habe, aus welchem Land ein Mensch kommt. Und ich glaube, Kinder tun das einfach nicht. Mensch ist Mensch. Ich sehne mich nach genau dieser Leichtigkeit der Gedanken. Das ist ein Teil, der mich antreibt. Die Leichtigkeit und das Selbstverständnis. Der große

Wunsch, dies als Normalität zu leben...deshalb war es auch eine große Wohltat, als ich das erste Mal Herrn Reuterbegegnet bin. Er hat mit mir genauso selbstverständlich Türkisch gesprochen wie Deutsch.

Gleichheit für alle

Ich genieße das Spiel zwischen den Kulturen. Ich kann das Fremdeln zwischen den Kulturen und man muss es auch mal sagen, zwischen den unausgesprochenen Gesellschaftsschichten, nicht verstehen. Jeder Mensch, woher er auch stammt und was er in seinem Leben tut, ist eine Bereicherung. Alle haben mal klein angefangen. Das Fallen und wieder Aufstehen liegt in der Natur der Menschen.

Ebenso sich zu unterstützen und miteinander einen Weg gehen. Ich möchte heute und hier noch einen Schritt weitergehen und zwar nicht nur für das selbstverständliche Miteinander einzustehen, sondern für Gleichheit für alle. Ich sehe das in meiner Geschichte. Mein Vater hat nichts falsch gemacht. Er hat auch alles für uns gegeben, aber es war meine Mutter, die wie eine Löwin für uns gekämpft hat und sie hat mir immer wieder gesagt, dass ich offen auf die Menschen zugehen soll....

Ich glaube fest daran, dass wir alle, welcher Herkunft auch immer, ob Frau oder Mann, gleichgeschlechtliche Beziehungen oder nicht, reich oder arm uns auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen können.

Solange ich lebe, werde ich mich mit Humor, aber auch ernsthaft für „Gleichheit für alle“ einsetzen. Dieser Preis ehrt mich sehr und gibt mir die Resonanz, nicht daran zu zweifeln, mich für das Richtige einzusetzen.

Nun stehe ich hier. Ein kurzer Ausschnitt aus meinem Weg. Wenn ich die Bilder von früher in unserem Dorf vor mir habe und alle Stationen, die mir einfallen, verspüre ich tiefe Dankbarkeit. Ich bin froh, dass sich meine Eltern auf den Weg nach Deutschland gemacht haben. Ich liebe mein Leben hier und ich bin sehr stolz, dass meine Familie auch heute hier ist. Meine drei Kinder Emel, Can und Acun ... sie werden ihr Leben meistern. Mein Weg und der meiner Frau, unser gemeinsamer Weg hat uns zu ihnen geführt.

Mein Weg ist einer von vielen. Ich gelte als „gut integriert!“. Um mich zu Hause zu fühlen, möchte ich nicht nur geduldet sein, ich möchte mein Dasein nicht infrage stellen und auf Zweifel aufbauen, ob ich bleiben darf oder nicht. Sich zu Hause zu fühlen, ist nicht für jeden Menschen selbstverständlich. Wenn sich jemand hier in Deutschland nicht zu Hause fühlt, liegt das nicht immer nur an dieser Person selbst.

Wir fühlen uns doch da wohl, wo wir Kontakte haben, wo wir uns angenommen fühlen, wo wir lachen und weinen können. Je mehr ich mich hier dazugehörig fühle, desto weniger Heimweh hab ich und will woanders hin. Jeder weiß von sich selbst, wie viele Gefühle jeden Tag in uns aufkommen und an manchen Tagen fällt uns die innere emotionale Welt leichter und an manchen auch schwerer. Jeder bestimmt selbst, was er aus dem Hier und dem Jetzt macht. Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern auch ein Gefühl!

Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und selbstverständlich auch für das Preisgeld und versichere Ihnen, dass wir es mit Bedacht in neue Projekte im Sinne der Förderung eines friedlichen Zusammenseins investieren.

Vielen Dank!